Blick von unten auf die Hochstraße auf dem Riebeckplatz in Halle
Der Riebeckplatz in Halle soll umgebaut werden. Bildrechte: Charlotte Bock

Studierende schreiben für den MDR Wie Halle den Riebeckplatz der Zukunft plant

28. März 2024, 11:44 Uhr

Der Riebeckplatz in Halle wurde vor fast 20 Jahren zuletzt umgebaut und an die Verkehrslage angepasst. In einer Zeit, in der die Kriminalität dort beständig steigt, steht der bedeutsame Knotenpunkt erneut vor einer umfassenden Transformation. Die aktuellen Pläne gehen über das geplante Zukunftszentrum hinaus. Ein Gastbeitrag einer Studentin aus Halle.

Dieser Text ist im Rahmen des Projekts "Studierende schreiben" in Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entstanden.

Der Riebeckplatz in Halle ist seit mehr als 100 Jahren ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im mitteldeutschen Raum, ein Treffpunkt und ein Aushängeschild der Stadt. Früher "Galgenvortorplatz" genannt, hat er nach der Abschaffung des Galgens Anfang des 19. Jahrhunderts seine erste große Veränderung erfahren – damals vor allem eine Verschönerung. Rund 200 Jahre später soll der Platz erneut umgebaut werden. Das 2019 veröffentlichte Strukturkonzept sieht vor, dass vor allem in die Höhe gebaut wird. Außerdem soll die erst in den 1960er-Jahren entwickelte Trennung der Verkehrsarten größtenteils aufgelöst werden.

Die bewegte Geschichte des Riebeckplatzes

  • Mittelalter: Richtplatz der Stadt mit Galgen
  • 1720: das erste Gasthaus siedelt sich an
  • 1859: das Hotel "Goldene Kugel" eröffnet
  • 1891: Umbenennung in Riebeckplatz nach einem bedeutenden Industriellen der Stadt Halle (Carl Adolph Riebeck)
  • Ende des 19. Jahrhunderts: erste Straßenbahnen rollen über den Platz, Hotels und Geschäftshäuser siedeln sich an, der Platz wird immer belebter
  • 31. März 1945: Halle wird von einem Bombenangriff getroffen, bei dem der Riebeckplatz zu einem Großteil zerstört wird. Heute befinden sich keine Gebäude mehr auf dem Platz, die vor 1945 erbaut wurden.
  • 1960: Der nach Kriegsende zu Ernst-Thälmann-Platz umbenannte Platz wird der verkehrsreichster Knotenpunkt der DDR. So wird ein Umbau mit Fokus auf den Autoverkehr und einer strengen Verkehrstrennung mit dem vierspurigen Kreisverkehr und Fußgängertunneln angestoßen.
  • 1965: Hochstraße über den Thälmann-Platz wird eröffnet, die erste der gesamten DDR
  • 1991: Wiederbenennung in Riebeckplatz
  • Anfang der 2000er-Jahre: erneuter umfassender Umbau des Riebeckplatzes durch hohes Verkehrsaufkommen, der Riebeckplatz, wie er heute ist, entsteht
  • 2015: ein neues städtebauliches Leitbild wird entworfen
  • 2019: ein Strukturkonzept für den Riebeckplatz wird veröffentlicht, das vor allem die Entstehung hoher Gebäude fokussiert
  • 2019: das "Niu"-Hotel und das Wohn- und Geschäftshaus der HWG eröffnen
  • 2023: Halle steht als Standort des Zukunftszentrums fest. Zunächst war geplant, das Zukunftszentrum bis 2028 fertigzustellen. Zuletzt war jedoch von 2029 die Rede, bei einer Informationsveranstaltung Mitte März 2024 wurde kein konkretes Datum mehr genannt.

Eine Grafik zeigt eine Simulation von Halle von oben.
Visualisierung: So soll der Riebeckplatz in Halle in Zukunft aussehen. Bildrechte: Vestico / Stadt Halle (Saale)

Das Strukturkonzept: umfassende Veränderung rund um den Riebeckplatz geplant

Wie genau das Konzept umgesetzt wird, steht bis jetzt noch nicht fest. Als die Stadt es veröffentlicht hat, sollte es lediglich als gestalterischer Rahmen für die langfristige Entwicklung der Stadt und des Riebeckplatzes dienen. Im Konzept selbst ist vermerkt, dass es Raum für unterschiedliche Varianten biete, die sich den Entwicklungen und Bedürfnissen in der Stadt anpassen.

Ein großer Aufsteller mit dem Aufdruck "Hier kann Zukunft beginnen!" steht an einer großen Straße am Riebeckplatz in Halle, wo das "Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation" gebaut werden soll.
Hallenserinnen und Hallenser können bislang nicht mitzustimmen, wie der Riebeckplatz in Halle für den Bau des Zukunftszentrums umgestaltet werden soll. Bildrechte: picture alliance/dpa/Heiko Rebsch

Mit dem Beschluss des Bundes im vergangenen Jahr, dass Halle Standort des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation wird, kommen neue Entwicklungen auf die Stadt zu. Bis 2028 soll das Zukunftszentrum am Riebeckplatz fertiggestellt werden – so die ursprüngliche Planung, die sich nach aktuellen Informationen jedoch mindestens bis 2029 verschiebt. Der Bund stellt für den Bau 200 Millionen Euro zur Verfügung.

Wie genau die Pläne für den Bau aussehen, wird sich erst nach dem Architekturwettbewerb ergeben, der laut Website des Zukunftszentrums in diesem Jahr stattfinden soll. Erst dann kann auch die Umsetzung des Konzepts konkreter werden. Für den Wettbewerb haben im März Informationsveranstaltungen für Einwohner stattgefunden. Voraussichtlich wird aber weiterhin der Plan verfolgt, in die Höhe zu bauen. So gibt es im Konzept bereits Entwürfe für Gebäude mit 55, 70 oder 90 Metern Höhe.

Sicher ist: Halle wird sich rund um den Riebeckplatz verändern

Fest steht aber schon jetzt, dass nicht nur der Riebeckplatz verändert werden soll, sondern auch sein direktes Umfeld. Im Strukturkonzept wird zusätzlich das Gelände des ehemaligen Maritim-Hotels betrachtet. Hier sollen demnach Flächen für Wohnungen, Gewerbe, Büros und Dienstleistungen entstehen. Außerdem ist ein weiteres Hotelgebäude mit integriertem Fahrradparkhaus in Bahnhofsnähe geplant.

Hinzu kommt das Zukunftszentrum, das im nordöstlichen Teil des Riebeckplatzes entstehen soll. Möglicherweise wird hierfür der Verlauf der Volkmannstraße erneuert. Eine konkrete Planung ist Bürgermeister Egbert Geier (SPD) zufolge aber erst nach dem Architekturwettbewerb möglich. Auch die Hochstraße, die über den Riebeckplatz führt, soll laut dem Strukturkonzept verändert werden: Eine Möglichkeit sieht vor, sie zu begrünen und nur für den Fahrrad- und Fußgängerverkehr zu öffnen, eine andere, die Brücken in Nord-Süd-Richtung abzureißen. Auch hier ist das Konzept noch flexibel und enthält Entwürfe mehrerer Varianten.

Verkehr wird in neue Bahnen gelenkt

Das Strukturkonzept sieht außerdem vor, den Verkehr auf dem Platz neu zu strukturieren: Der Fokus wechselt vom Autoverkehr auf den Fahrrad- und Fußgängerverkehr, die Trennung der Verkehrsarten soll aufgehoben werden. So sollen Straßen zukünftig von Fahrrad- und Fußwegen begleitet werden. Damit soll der Platz verständlicher werden und durchgehende Routen für Fahrradfahrer und Fußgänger entstehen.

Zudem sind großzügige Treppenanlagen geplant, die das Rondell unter der Hochstraße öffnen. Straßen werden den Plänen zufolge zukünftig vermehrt durch Ampeln und Zebrastreifen überquert, Brücken und Tunnel werden vermieden. Der gesamte Platz soll dadurch offener und einheitlicher wirken. Es entstehe so ein durchgängiges städtisches Raumgefüge.

Blick von unten auf die Hochstraße auf dem Riebeckplatz in Halle
Oben Autos, unten Fußgänger, Radfahrer und Straßenbahn: Diese Verkehrstrennung soll am Riebeckplatz künftig aufgehoben werden. Bildrechte: Charlotte Bock

Häuser am Riebeckplatz sollen zugänglicher werden

Verstärkt wird es dadurch, dass das Konzept vorsieht, die Erdgeschosse der Neubauten für Fußgänger gut nutzbar zu machen. So befindet sich im Erdgeschoss des Wohn- und Geschäftshauses der HWG bereits jetzt ein Supermarkt. Ähnliche Konzepte sind auch für die neuen Gebäude geplant, bei denen die Erdgeschosse möglichst öffentlich genutzt werden sollen. Dadurch und durch die Begrünung vieler Flächen soll der Riebeckplatz positiver wahrgenommen werden und Personen dazu angeregt werden, sich gerne dort aufzuhalten. Zusätzlich hofft die Stadt laut Konzept auf eine stärkere soziale Kontrolle.

Insgesamt sieht die Stadt in dem Strukturkonzept und den geplanten Veränderungen die Chance, den Riebeckplatz umfassend zu transformieren und zu modernisieren. Durch sein gut ausgebautes Nah- und Fernverkehrssystem, die Nähe zum Hauptbahnhof, die teilweise noch entstehenden Hotels sowie gut zu erreichende Kultur- und Sportangebote stelle der Riebeckplatz den perfekten Standort für das Zukunftszentrum dar. Er könne zum Aushängeschild für bewusste und nachhaltige Transformation werden, heißt es.

Stadtsprecher: Kriminalität am Riebeckplatz kein "hallesches Alleinstellungsmerkmal"

Die im Strukturkonzept vorgesehenen Veränderungen bringen allerdings einen dichteren Rad- und Fußgängerverkehr mit sich. Laut dem Pressesprecher der Stadt, Drago Bock, ist der Riebeckplatz heute schon ein hoch frequentierter Ort. Er geht nach eigenen Angaben davon aus, dass das Zentrum den Tourismus der Stadt Halle erhöhen wird. Damit wäre der Riebeckplatz noch stärker frequentiert.

Bereits jetzt bringt die hohe Frequentierung laut Polizei eine erhöhte Kriminalitätsbelastung mit sich. Seit Jahren gilt der Riebeckplatz aufgrund dessen als einer der gefährlichen Orte Halles. Orte werden demnach als gefährlich so eingestuft, wenn davon ausgegangen werden kann, dass dort vermehrt Straftaten geplant, verabredet und verübt werden. Deshalb sei es der Polizei dort möglich, die Identität einer Person festzustellen, weil sie sich dort aufhält. Stadtsprecher Bock hält dies allerdings für kein "hallesches Alleinstellungsmerkmal". In allen größeren Städten sei an Orten mit hoher Frequentierung auch eine höhere Kriminalitätsbelastung zu beobachten.

Ein Schild an einer Säule am Riebeckplatz in Halle zeigt, dass dort Videoüberwachung stattfindet
Schilder weisen am Riebeckplatz auf Videoüberwachung hin. Der Platz gilt als sogenannter gefährlicher Ort. Bildrechte: Charlotte Bock

Stadt hofft, dass Kriminalität am Riebeckplatz durch Umbau zurück geht

Dennoch ist laut Polizei die Zahl der Straftaten rund um den Riebeckplatz im Zeitraum von 2020 bis 2023, mit Ausnahme des Jahres 2021, stetig angestiegen. Die kriminellen Schwerpunkte seien Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Diebstahl, Körperverletzung, Raub und Erpressung. Wie sich die Kriminalität am Riebeckplatz in den nächsten Monaten und Jahren entwickeln wird, kann die Polizei aufgrund einer fehlenden validen Datenbasis nicht prognostizieren. Stadt und Polizei bestätigen aber, dass sie während der geplanten Transformation eng zusammenarbeiten werden. Die Polizei stehe hierbei beratend zur Seite und sei auf die Situation am Riebeckplatz ausgerichtet.

Stadtsprecher Bock sieht darin kein Problem für das geplante Zukunftszentrum. Städtebauliche Veränderungen könnten sich auf die Kriminalitätsbelastung auswirken – positiv wie negativ. Er gehe allerdings davon aus, dass die Auswirkungen positiv sein werden. Ob sich die Kriminalitätsbelastung am Riebeckplatz durch dessen Umbau und den Bau des Zukunftszentrums ins Positive oder ins Negative wandeln wird, kann jedoch von keiner Seite vorhergesehen werden. Klar ist, dass der Riebeckplatz erneut vor einem großen Wandel steht.

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Bildrechte: Charlotte Bock

Über die Autorin Charlotte Bock studiert seit Oktober 2023 den Master "Multimedia & Autorschaft" in Halle, wo sie bereits ihren Bachelor in Germanistik und Anglistik absolvierte. Das Interesse für Journalismus wurde bei ihr durch die Mitarbeit an der Schülerzeitung entfacht und hat sich während ihrer Arbeit bei der Studierendenzeitschrift hastuzeit weiter verstärkt. Während ihres Bachelorstudiums war sie Teil eines Social-Media-Teams an der Universität Halle-Wittenberg und war bis Anfang des Jahres bei MDR KULTUR tätig.

Mehr zum Zukunftszentrum und weiteren Bauprojekten in Halle

MDR (Maren Wilczek) | Erstmals veröffentlicht am 27.03.2024

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13 Kommentare

AlexLeipzig vor 15 Wochen

Naja, wenn Sie die Bauten von Calatrava in der "Ciudad de les artes et ciences" meinen, dann sind die zwar toll, aber für einen Innenstadtbereich und Verkehrsknoten gänzlich ungeeignet. Davon abgesehen wird sowas auch schon wieder huntertfach überall auf der Welt kopiert... Architektur ist und bleibt Geschmackssache, ich finde den Entwurf für Halle auch nicht gerade aufregend oder besonders, aber auch nicht mies. Schon gar nicht schlechter als die Plattenbauten.

steka vor 15 Wochen

Na schöner wird er auf alle fälle nicht. die markanten hochhäuser mußten ja weg, war DDR-Architektur. Sind inzwischen durch häßliche moderne "Westarchitektur" ersetzt. Und wie die "Visualisierung" zeigt, soll es grade inflitionär mit häßlichen 0815- Glaspalästen zugepflastert werden. In den Städten der alten Bundesländer verschwinden solche bauten bereits wieder. DDR läßt grüßen, damals wurde auch aller mögliche Mist nachgemacht weil er gerade im Westen "modern" war.

Dermbacher vor 15 Wochen

Ich denke das wird nichts mehr mit dem europäischen Zentrum für Transformation komme zumindestens zum Jahr 2028 nichts, denn wenn bis jetzt noch nicht einmal der Architektenwettbewerb ausgeschrieben wurde!

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