Demoskopie im Wandel Wie Technik Meinungsforschung schwierig macht

Politikwissenschaftler und Wahlforscher Thorsten Faas von der Universität Mainz über Meinungsforschung und warum Wahlprognosen schwieriger werden.

Meinungsforschung
auch Demoskopie (altgriech.: démos „Volk“, skopeín „spähen“) oder Umfrageforschung, dient der Ermittlung von Meinungen, das heißt von Einsichten, Einstellungen, Stimmungen oder Wünschen der Bevölkerung.

"Es ist ein legitimes Interesse in einer Demokratie, dass man wissen möchte, wie die Bevölkerung denkt", sagt Thorsten Faas. Politiker müssten sich in einer Demokratie bemühen, immer an die Einstellung und Wünsche der Bevölkerung rückgekoppelt zu sein, meint der Professor für Politikwissenschaft von der Universität Mainz.

Meinungsforscher Prof. Dr. Faas
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Meinungsforschungsinstitute können vertrauenswürdiger werden, wenn sie transparenter machen, wie ihre Zahlen zustande kommen, so Thorsten Faas.

Mo 08.05.2017 17:51Uhr 32:03 min

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Demoskopie liefert Zwischenbilder, wie die Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt denkt.

Thorsten Faas, Universität Mainz

Bei politischen Umfragen kommen die Auftraggeber in der Regel aus den Medien. Die ARD arbeitet beispielsweise mit Infratest dimap zusammen, das ZDF mit der Forschungsgruppe Wahlen, RTL und der Stern mit dem forsa-Institut und die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit dem Institut für Demoskopie Allensbach. Bei kommerziell arbeitenden Umfrageinstituten hat die politische Forschung allerdings nur einen relativ kleinen Anteil am gesamten Budget, erklärt Faas.

Klassischerweise werden Meinungsumfragen mit Hilfe einer Zufallsstichprobe erhoben, um so die Vielfalt der Bevölkerung abzubilden, denn jeder von uns habe "eine gewisse Wahrscheinlichkeit Teil einer solchen Stichprobe zu werden." Ab 1000 bis 2000 befragten Personen zeigen sich laut Faas bestimmte Regelmäßigkeiten. Eine solche Stichprobe entspricht im Kleinen der Gesamtheit aller wahlbeteiligten Bürger.

Die meisten politischen Umfragen werden via Festnetztelefon durchgeführt, aber auch persönlich oder online können Menschen befragt werden. Jede Methode hat Vor- und Nachteile. Damit die Anzahl der Befragten repräsentativ ist, dürfen keine verzerrenden Faktoren auftreten. "Wenn Sie feststellen, dass Sie junge Leute nicht mehr per Festnetztelefon erreichen, weil die nur noch Handys besitzen, dann haben Sie einen systematisch verzerrenden Faktor." Wenn man nur Onlineumfragen durchführt, schließt man alle aus, die keinen Internetzugang haben, also eher die ältere Generation, so Faas weiter. Außerdem gebe es kein Verzeichnis, in dem alle E-Mailadressen aufgelistet seien. "Diese Faktoren machen Meinungsforschern das Leben richtig schwer."

Solche systemischen Faktoren müsse man, neben den Zufallsfehlern, in den Blick nehmen, denn sie können Auswirkungen auf prognostizierte Parteianteile haben. Zum Beispiel habe die Piratenpartei vergleichsweise junge Wähler, die möglicherweise keinen Festnetzanschluss besitzen. Somit könne ihr Anteil leicht als zu gering eingeschätzt werden.

Wie unabhängig arbeiten Meinungsforschungsinstitute?

Eine Nähe der Meinungsforscher zu bestimmten politischen Richtungen könne es geben, sagt der Wissenschaftler. Dass das Auswirkungen auf die Ergebnisse hat, bezweifelt er aber.

Da haben die demoskopischen Institute kein Interesse dran, denn es kommt der Wahltag und das richtige Ergebnis. Wenn sie dann plötzlich als ein Institut dastehen, dem man eine bestimmte Nähe zu einer Partei nachsagt und sie haben diese Partei auch deutlich höher eingeschätzt als andere Institute, dann wäre das sicher für ihr Geschäft in höchstem Maße schädigend.

Thorsten Faas

Herausforderungen von Meinungsumfragen

Verschiedene Faktoren machen Meinungsumfragen schwieriger, meint Faas. Auf der einen Seite sind das technische Faktoren, auf welche Art und Weise Umfragen durchgeführt werden. Es sei schwieriger Menschen zur Teilnahme an telefonischen oder persönlichen Umfragen zu bewegen, aber auch mit Online-Umfragen zu arbeiten sei in Deutschland problematisch, da es nach wie vor eine Gruppe von Nicht-Onlinern gebe.

Auf der anderen Seite ist die Parteienbindung brüchiger und das Wahlverhalten flüchtiger geworden, erklärt Faas. Außerdem bewerten Wähler Umfragen. Das Ergebnis gefällt ihnen oder es gefällt ihnen nicht. Sie können darauf reagieren, indem sie ihr Wahlverhalten ändern. Das konnte man bei der Bundestagswahl 2013 beobachten. Bei letzten Umfrageergebnissen lag die FDP bei 6 Prozent und wäre somit in den Bundestag gekommen. Das hätte potenziellen Wählern, die eigentlich der CDU nahe stehen und die eine Koalition aus beiden Parteien präferierten dazu veranlasst, auf eine Leihstimme für die FDP zu verzichten und doch die CDU zu wählen. Am Wahlabend verpasst die FDP mit 4,8 Prozent den Einzug in den Bundestag. Auch durch solche Reaktionen kann es am Wahltag zu Abweichungen von den zuvor prognostizierten Umfragen kommen. Das habe jedoch "nichts mit Manipulation zu tun", stellt er klar.

Wir, als Wählerinnen und Wähler, können auf Umfragen reagieren. Eine Umfrage, die gestern noch richtig war, wird veröffentlicht, wir reagieren darauf und dann stimmt sie schon nicht mehr.

Thorsten Faas

Mehr Transparenz

Meinungsforscher Prof. Dr. Faas guckt auf iPad
Wahlforscher Prof. Dr. Faas erklärt die Ergebnisse der letzten Sonntagsumfrage Bildrechte: MEDIEN360G/Mitteldeutscher Rundfunk

Risikofaktoren, wie zum Beispiel unentschlossene Wähler, sollten von den Instituten kommuniziert werden. So sagt Faas: "Die Kommunikation von Unsicherheiten erleben wir momentan nur in sehr sehr kleinen Dosen, dabei wäre das sicher eine höchst sinnvolle Sache, damit wir als Empfänger und Konsumenten einschätzen können, wie stabil die Umfrage ist." Anhand all dieser Faktoren könne man erkennen, wie schwierig es sei, Projektionen oder Prognosen zu machen. Trotzdem hält er die Demoskopie für "einen integralen Bestandteil unserer politischen Berichterstattung." Aber: "Wir sollten darüber nachdenken, wie wir mit dem Instrument umgehen und wie wir auch die damit verbundenen Unsicherheiten kommunizieren."

Es sollte nachvollziehbar sein, wie die Zahlen in den Umfragen zustande kommen. "Demoskopische Institute, die an manchen Stellen auf Betriebsgeheimnisse verweisen, die nicht deutlich machen, wie sie gewichten, könnten mit einem Mehr an Transparenz möglicher Kritik entgegentreten."

Wir müssen weg von der Situation, dass diese Zahlen als Eins-zu-eins-Vorhersagen von möglichen Wahlausgängen verstanden werden, hin zu einer Situation, wo man sagt: das ist ein Stimmungsbild. Es können sich Änderungen ergeben und deswegen seid bitte nicht überrascht, wenn am Wahlsonntag alles ganz anders kommt.

Thorsten Faas

Man könne beispielsweise eine Reihe an Zahlen veröffentlichen, "also die Rohdaten sind so, soziodemografisch gewichtet waren die Zahlen so, politisch gewichtet so." Laut Professor Faas wäre dann "zumindest transparent, in welcher Größenordnung Verschiebungen produziert wurden."

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